FERNSEHFILMPREIS

DER DEUTSCHEN AKADEMIE DER DARSTELLENDEN KÜNSTE

Testscreen

FILMPREIS DER STUDIERENDEN JURY:
Studierende der Filmakademie Baden-Württemberg (FABW), der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) und der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM)

Die zehn Nominierungen erfolgten durch die Mitglieder der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und die Auswahlkommission:
Prof. Bettina Reitz (Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film München), Andreas Schreitmüller (Honorarprofessor für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz und ehem. Hauptredaktionsleiter Spielfilm und Fernsehfilm ARTE), Andrea Hische (Kommunikation 3sat), Volker Bergmeister (Kritiker) und Urs Spörri (Festivalleiter TeleVisionale Baden-Baden).

Gewinner Fernsehfilmpreis 2022 der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste

VIER (ORF/ZDF) 

Jurybegründung Fernsehfilmpreis

3 Kinderleichen, Intersexualität, Angststörung, Fehlgeburten, Frömmigkeit – nach den aufgeladenen Themen zu urteilen könnte man einen typischen Problemfilm erwarten, samt Betroffenheitsgestus. Marie Kreutzers Film aus der Reihe "Landkrimi" ist das genaue Gegenteil. 

Der Auftakt: das Rauschen des Regens, der Matsch der Überschwemmung, das Waten durch den Schlamm. Es gibt viel zu hören, Klänge, Geräusche, Melodien. Im Zentrum ein beindruckendes Ermittlerinnen-Duo: Oberst Marion Reiter und Inspektor Ulli Herzog. 

Oberst Reiter raucht heute mal eine Zigarette, morgen keine, übermorgen zwei; Inspektor Herzog hat mit Übelkeit zu kämpfen, isst Cremeschnitte und trinkt alkoholfreies Bier. Zwischendurch kommt ihre Mutter auf der Wache vorbei und mischt sich in alles ein. 

Nachdem der Kriminalfall 30 Minuten nach Beginn bereits unspektakulär gelöst ist, entspinnt sich das fein beobachtete Porträt eines Dorfes immer weiter: Tiefe, Topographien, Einsamkeit und Neurosen. Unsicherheiten und viel Sehnsucht nach Normalität. 

Räume, die nicht behauptet, sondern aufgesucht werden. Figuren, die nicht zur Karikatur reduziert werden, sondern in den kleinen Gesten sichtbar werden. Denn „man kann in keinen reinschauen“. Wie die Oberst Reiter zum Beispiel - "sie ist nicht meine Vorgesetzte" sagt Ulli allenthalben von ihr – wie die renitent im Auto raucht, obwohl die Kollegin gerade wieder schwanger ist. 

Mit Ruhe und Diskretion und einer unbeirrbar präzisen Inszenierung erforscht der Film, was es diese Dorfgemeinschaft samt der ihr eigenen Verstrickungen, Abhängigkeiten und sozialen Hierarchien kostet, das „Andere“ in Form von Abweichungen zu verdauen – und auch was es bedeutet, dieses „Andere“ zu verkörpern. Das, was in jedem Leben Schmerz und Abgründigkeit ist, ist dabei immer anwesend. 

Statt auf Effekte und Themen zu setzen, versteht es die Filmemacherin, mit Respekt bis zur Zärtlichkeit den Figuren ihr Geheimnis zurückzugeben – zum Beispiel auch in der Verwendung des Dialekts in lebendigen Dialogen voller Abbrüche, Sprechpausen und Subtext. Auch wenn ein Dialekt nicht für alle verständlich ist, so hilft er uns trotzdem im Klang, in der Melodie die Figuren besser zu verstehen. Die Überschreitungen schleichen sich fast unmerklich an, bis uns dann in einem so überraschenden wie konsequenten Finale die Tragweite dieser Lebensweisheit bewusst wird: „In jedem alten Haus ist scho amal a Leich gelegen.“ 
Hier wirkt alles kraftvoll zusammen: Buch, Regie, Kamera, Kostüm- und Szenenbild, Sounddesign, Schnitt. Wir bedanken uns für diesen großartigen Film und ehren ihn mit dem Hauptpreis der Jury: Der Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste geht an "VIER". 

Die Jury 2022
Dominik Graf (Jurypräsident), Lisa Gotto, Susanne Heinrich, Wolfgang Schorlau, Yugen Yah

Jurybegründung: SONDERPREIS herausragende schauspielerische Leistung an MERET BECKER und BELLA DAYNE

Zwei Frauenfiguren. Zwei Weiblichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die eine von der rauen Berliner Realität geformt, die andere wie aus dem Reich des Phantasma. Ein Körper voller Widerspenstigkeit, wie eine geballte Faust; der andere über die Grenzen der ihn umgebenden Welt der Brutalität hinaus verfügbar. In der Begegnung der Figur der Kommissarin und der Frau des Russenmafioso werden diese beiden Weiblichkeits-Entwürfe einander zum leuchtenden Hintergrund. Im feinen Spiel der Darstellerinnen zwischen Stärke und Verletzlichkeit, Glätte und Rauheit, Zurückhaltung und Souveränität scheint die prekäre Möglichkeit einer Frauenfreundschaft inmitten einer feindlichen Umgebung auf. Wenn die beiden Figuren sich einander zuwenden, geht es auf einmal nicht mehr nur darum, wie weibliche Körper in Relation zu männlichen Körpern gesetzt werden, sondern wie sie sich jenseits dieser Anordnung bewegen, behaupten und aufeinander beziehen können. Diese Körper leben und atmen tanzen und kämpfen, schreien und weinen, zögern und handeln, schwitzen und sterben – und verleihen dem Film eine Kraft und Vitalität, die so intensiv ist, dass sie geradezu aus den Bildern heraus zu dampfen scheint. Die Jury verneigt sich vor dem Körperspiel zweier außergewöhnlicher Schauspielerinnen, die den Film mit ihrer großen physischen Präsenz tragen. Der 1. Sonderpreis für herausragende schauspielerische Leistung geht an das Darstellerinnen-Duo Meret Becker und Bella Dayne im „Tatort: Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht“.

Die Jury 2022
Dominik Graf (Jurypräsident), Lisa Gotto, Susanne Heinrich, Wolfgang Schorlau, Yugen Yah

Jurybegründung: SONDERPREIS für herausragende schauspielerische Leistung an LAURENCE RUPP und MANUEL RUBEY

Ein Film hat die Möglichkeit, Menschen in andere Lebensrealitäten zu entführen und Themen an die Oberfläche zu treiben, die unser eigenes Selbstverständnis befragen. Dafür braucht es Figuren, die uns für dieses Unbekannte interessieren. Wie Laurence Rupp und Manuel Rubey in Marie Kreutzers Film „Vier“ das homosexuelle Paar darstellen, hat uns alle sehr berührt. In diskreten Gesten der Fürsorge scheint hier eine von den prüfenden Blicken der Dorfbewohner*innen eingespannte und begrenzte Liebe auf. Ob in gemeinsamen Szenen oder getrennt voneinander gelingt es den Darstellern ein Paar zu erzählen, das stets aufeinander bezogen ist – und genau das zum eigenen Schutz nur selten zeigt. 

Der Sonderpreis für herausragende schauspielerische Leistung geht an das Darsteller-Duo Laurence Rupp und Manuel Rubey für ihr Zusammenspiel im Fernsehfilm “Vier”.

Die Jury 2022
Dominik Graf (Jurypräsident), Lisa Gotto, Susanne Heinrich, Wolfgang Schorlau, Yugen Yah

Jurybegründung: FILMPREIS DER STUDIERENDEN an die REDAKTION von VIER, SABINE WEBER (vom ORF) und DANIEL BLUM (vom ZDF)

Statement der Filmjury der Studierenden

Wir sind Zuschauer*innen, wir sind zukünftige Filmschaffende und wir haben Angst. Vor mangelndem Vertrauen, uns, aber auch dem Publikum gegenüber. Vor Filmen, bei denen nicht Figuren und Geschichten im Vordergrund stehen, sondern sich auf der Relevanz der Themen ausgeruht wird. Filme, die unentschlossen sind, ohne klare Haltung. Wir fürchten uns davor, in ein System zu kommen, in dem wir den Blick für echte Qualität verlieren.

Wir wünschen uns daher Redaktionen, die Räume schaffen, in denen großartige Filme entstehen können. Durch einen achtsamen, respektvollen Umgang miteinander. Ein Umfeld gegenseitigen Vertrauens. Wir wollen ernst genommen werden, aber wir wollen auch, dass man uns nicht durchgehen lässt, wenn wir Dinge nicht zu Ende denken. Wir wollen zu echten Partner*innen werden, die konstruktiv miteinander kommunizieren.

Wir haben eine Redaktion gesehen, der es gelungen ist, einen solchen Raum zu schaffen. In diesem Raum ist ein Film entstanden, der uns begeistert hat. Ein Film, der genau durchdacht ist, der etwas zu erzählen hat, der uns berührt, der präzise und unaufgeregt vorgeht und von dem wir uns als Zuschauende ernst genommen fühlen. Und dem all das und noch viel mehr im vermeintlich so engen Korsett eines 90-Minuten Fernsehkrimis innerhalb einer Reihe gelingt.

So sehr uns die Leistung des Filmteams und besonders der Autorenfilmerin beeindruckt, geht unser Preis nicht an sie, sondern an die Redaktionen des Films, die hier gezeigt haben, was im Fernsehen möglich ist. Der Preis ist aber mit dem ausdrücklichen Wunsch verknüpft, solche Räume nicht nur zu erhalten, sondern auszubauen. Dieser Film soll und darf kein Einzelfall bleiben. Wir bewundern das Ergebnis und wollen mehr davon.

Den Preis der Studierendenjury verleihen wir damit an die Redaktionen des Films VIER, an Sabine Weber vom ORF und an Daniel Blum vom ZDF. Herzlichen Glückwunsch.

Filmjury der Studierenden:
Thi Dang An Tran (Filmakademie Baden-Württemberg), Alexander Dreissig (Filmakademie Baden-Württemberg), Judith Frahm (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf), Rebecca Hoeft (HFF München), Oliver Grüttner (DFFB Berlin), Samuel Schwarz (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf) Franz Ufer (HFF München)

1. DOMINIK GRAF (JURYPRÄSIDENT), KINO- UND TV-REGISSEUR

Er gehört zu den renommiertesten Regisseuren Deutschlands. Dominik Graf wurde für seine Werke mit zehn Grimme-Preisen ausgezeichnet. Zu seinen vielfach prämierten Werken zählen u.a. DIE KATZE (1988), das Milieudrama HOTTE IM PARADIES (2002), die TV-Serie IM ANGESICHT DES VERBRECHENS (2009/10) sowie die Kinoverfilmung nach Erich Kästners Roman FABIAN (2021). Für POLIZEIRUF 110: BIS MITTERNACHT (2021) wurde er in Baden-Baden mit dem Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ausgezeichnet.

2. LISA GOTTO, PROFESSORIN FÜR THEORIE DES FILMS

Lisa Gotto ist Professorin für Theorie des Films an der Universität Wien und war zuvor an der Internationalen Filmschule Köln, am Cologne Game Lab, Gastprofessorin an der Leuphana-Universität Lüneburg, Akademische Rätin an der Universität Regensburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Mannheim, der HFF München und der Bauhaus-Universität Weimar. Zu ihren Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören Film- und Fernsehgeschichte sowie Digitale Medienkultur.

3. SUSANNE HEINRICH, SCHRIFTSTELLERIN UND REGISSEURIN

Für ihre literarische Arbeit wurde Susanne Heinrich vielfach ausgezeichnet, u.a. mit Aufenthaltsstipendien an der Villa Aurora L.A. & Schloss Solitude Stuttgart und einer Nominierung für den Ingeborg-Bachmann-Preis. Von 2012 bis 2019 studierte Heinrich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Regie. Ihr Abschlussfilm DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN gewann 2019 den Max Ophüls Preis „Bester Spielfilm“ und den Hauptpreis beim Neisse Filmfestival.

4. SANDRA HÜLLER, SCHAUSPIELERIN

Dreimal wurde sie von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt (zuletzt 2019) und ist seit 2018 Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum. Für ihre Hauptrolle in Hans-Christian Schmids REQUIEM (2006) erhielt Sandra Hüller den Silbernen Bären der Berlinale. In TONI ERDMANN (2016) begeisterte sie Publikum wie Kritik und erhielt dafür u.a. den Europäischen Filmpreis. Zuletzt war die Schauspielerin in Maria Schraders ICH BIN DEIN MENSCH (2021) zu sehen.

5. YUGEN YAH, REGISSEUR, DREHBUCHAUTOR UND PODCASTER

Nach seinem Filmstudium arbeitete Yugen Yah an Werbefilmproduktionen und narrativen Filmprojekten in der Regie, Produktion und als Autor. 2017 startete er den Indiefilmtalk-Podcast, bei dem er mit Kolleg:innen aus der Branche über die Arbeit am Film spricht und diskutiert. Das Format bringt seitdem die deutschsprachige Filmszene weiter zusammen und eröffnet einen Raum für den offenen Austausch von Filmwissen.

FILMPREIS DER STUDIERENDEN JURY:
Studierende der Filmakademie Baden-Württemberg (FABW), der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) und der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM)